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GEGEN DIE PHANTOME

Aleš Šteger: Gegen die Phantome

Erstens: Das Phantom der Poesie
Beginnen wir bei den Büchern, besser gesagt, bei einer bestimmten Ordnung, einer bestimmten Kontingenz, die die Bibliothek darstellt. Es gibt ein kleines Ritual zur Aufrechterhaltung der Kontingenz einer Bibliothek, die die gelegentlichen von den regelmäßigen Bibliotheksbesuchern unterscheidet, besonders von den Fachbesuchern. Die Franzosen nennen es fantôme. Jeder erfahrene Bibliothekar wird überaus schlecht gelaunt, wenn Sie nicht dem ersten Gesetz der Bibliothekslogik folgen und jedes Buch, das Sie aus dem Regal nehmen, unverzüglich durch einen Zettel ersetzen, auf dem Autor und Titel, Klassifikation, Ihr Name, die Nummer Ihres Bibliotheksausweises und das Ausleihdatum verzeichnet sind. Oberflächlich meinen wir, die Bibliothek sei ein Raum, dem wir Bücher entfremden können, sie uns ausleihen, sie für einige Zeit forttragen. Die Bibliothek ist vor allem der virtuelle Raum aller Bücher, die Idee einer Bibliothek, in der alle Bücher ständig präsent sein müssen, ungeachtet dessen, ob sich im Regal wirklich Bücher befinden oder ihre phantomhaften Äquivalente. Die Bibliothek ist in erster Linie der Gedanke eines Ganzen, sie ist die Totalität unserer andauernden Zutrittsmöglichkeit zur Gesamtheit des Wissens . Nehmen wir die Poesie. Wenn unser Alltag die Bibliothek ist, in der wir frei nach den unterschiedlichsten Formen von Information greifen, dann ist die Poesie, mag es sich nun um lyrische Dichtung, Kurzprosa, experimentelle Formen des Schreibens oder sogar bestimmte nicht marktgängige Formen der Romanschriftstellerei handeln, in dieser Bibliothek als Phantom präsent. Die Poesie ist dergestalt Teil unseres Alltags, dass sie zugleich präsent und nicht präsent ist. Man mag sich darüber lustig machen und sagen, dass sich wahrscheinlich das Buch, das in unserem Fall für die Poesie steht, einer der Forscher, Literaturwissenschaftler oder Dichter ausgeliehen hat und es sich daher nicht als Informationsquelle in der Bibliothek beziehungsweise in unserem Alltag befindet. Doch das ist nur die Pointierung eines Zustandes, der nicht zwangsläufig Besorgnis erregend ist, den man aber dennoch verstehen muss. Was ist heute das Phantom der Poesie und wie funktioniert es?

Zweitens: Noch eine Metapher – diesmal mit einem faulen Ei
Wann haben Sie das letzte Mal Faules Ei gespielt? Eine völlig andere Frage ist, wann jemand von uns zuletzt das faule Ei war. In England nennt sich das Spiel Duck Duck Goose. Die Spieler sitzen im Kreis, einer von ihnen geht herum und berührt die Köpfe der Sitzenden. Wenn er beim Berühren eines Kopfes die Ente in Gans umbenennt, muss diese ihren Platz verlassen und ihn fangen. Gelingt ihr das nicht, nimmt der andere ihren Platz ein.
In Slowenien, und ich denke auch im größeren Teil Europas spielten und spielen wir immer noch eine leicht modifizierte Form desselben Spiels. Es geht nicht darum, dass jemand keinen Platz hat, dass er gewissermaßen ein Signifikat auf der Suche nach dem Signifikanten ist. Das faule Ei ist allerdings bezeichnet, da es in der Mitte des Kreises, vor den Augen und dem Gelächter aller, sitzt und darauf wartet, abgelöst zu werden. Es droht nicht nur die Gefahr, dass ein Spieler vorübergehend seinen Platz im Kreis verliert, das Spiel wird dadurch verschärft, dass jener, der in der Kreismitte sitzt, stigmatisiert ist. Beide deutschen Namen für das Spiel, Plumpsack und Faules Ei, stehen in einer Reihe von Metaphern für ansteckende Unfruchtbarkeit, mit der jener bezeichnet ist, der das faule Ei ist. Wer in die Mitte des Kreises muss, ist für immer dadurch aus der Gesellschaft ausgeschlossen, dass er keine Nachkommen haben wird. Das faule Ei ist derjenige, der zwar noch lebt, doch im Inneren ganz faul und, für die Dauer des Spiels, zum Aussterben verurteilt ist.
Faules Ei ist das Spiel unserer kulturkünstlerischen Maschinerie und Kulturpolitik. Beide gründen auf der ständigen Permutation innerhalb des Zeichensatzes derselben Positionen. Die ständige Gefahr, dass jemand den Platz Ihres Signifikanten tauscht, hält die Spannung der Spielenden aufrecht. Momentan besetzt das Medium der Poesie den Platz des faulen Eis. Noch hören wir die Echos der Stimmen Celans und Brechts, Eliots und Audens, Chars und Skácels, Zajcs und Mandelstams, doch haben wir zugleich nicht mehr das Gefühl, das Medium der Poesie könne als solches noch auf dem substanziellen Niveau operieren, auf dem es noch bis vor Kurzem funktioniert hat. Nach Meinung einiger sozusagen bis gestern. Sehen wir uns das an.

Drittens: Žižek mit Dahl
Slavoj Žižek schreibt in seinem Buch Living in the End Times, das dieses Jahr erschienen ist, folgende Behauptung nieder: „[In Post-Yugoslavia] ethnic cleansing was prepared for by the poets‘ dangerous dreams. True, Milošević ‘manipulated‘ national passions – but it was the poets who delivered him the material which lent itself to manipulation. They – the sincere poets, not the corrupted politicians – were the origin of it all, when, back in the 1970s and early ‘80s, they started to sow the seed of aggressive nationalism not only in Serbia, but also in other ex-Yugoslav republics. Instead of the industrial-military complex, we in post-Yugoslavia had the poetico-military complex, personified by the twin figures of Radovan Karadžić and Ratko Mladić.”
Natürlich könnte man, dieser Logik folgend, auch ruhig behaupten, die drei totalitaristischen Schlachthöfe des 20. Jahrhunderts, Hitlers Nationalsozialismus, Stalins Kommunismus und Maos Maoismus, seien letztendlich ein Produkt dichterischer oder zumindest künstlerischer Einbildungskraft gewesen, waren doch ihre Schöpfer zwei Dichter und ein Maler. Oder sollte man Žižeks Interpretation Karadžićs als psychopathischen nationalistischen Dichter die Tatsache gegenüberstellen, dass der Architekt der serbischen nationalistischen Politik in Bosnien und Herzegowina ein studierter und praktizierender Psychiater mit lebhaftem Interesse an der Psychoanalyse war, und Mutmaßungen über den möglichen Einfluss einer Lacan-Lektüre auf Karadžić anstellen? Doch natürlich läge man mit solcher Akrobatik völlig daneben. Wenn uns Žižek etwas gelehrt hat, dann die Tatsache, dass es ein Fehler ist, Žižek mit Žižek zu widersprechen. Žižek muss meiner Meinung nach mit Žižek gelesen werden. In dem Fall entspräche eine solche Lektüre der Lektüre von Žižeks Äußerung mit The Twits von Roald Dahl. In dieser Kindererzählung tritt ein überaus boshaftes Rentnerpaar auf, sadistische Zirkusdompteure. Die Alten haben einen Käfig mit vier Affen, die pausenlos auf dem Kopf stehen müssen. Als den Affen die Flucht gelingt, wollen sie sich rächen. Die Affen kleben heimlich Stück für Stück sämtliche Teppiche, Möbelstücke, Einrichtungsgegenstände, Bilder und alles Übrige an die Wohnungsdecke. Als die Alten, die in der Zwischenzeit abwesend waren, wieder zurückkommen, erwartet sie ein Schock, ihre Wohnung ist auf den Kopf gestellt. Ihnen dreht sich alles, sie trauen ihren Augen nicht mehr, und die einzige Möglichkeit, den Schwindel wieder abzustellen, ist, dass sie auch sich selbst auf den Kopf stellen. Verfügen nicht bestimmte Texte von Žižek dadurch, dass sie kein konsistentes Ideensystem aufbauen, sondern eher ein subversives Assoziationsfeld beschreiben, ein Feld punktueller Aha-Spannungen, ihrer inneren Widersprüchlichkeit, Fluidität, Geschwindigkeit, Streuung und der Energetik der sprachlichen Wendungen nach, gerade über einen bestimmten Vorzug der modernen Poesie? Ich will nicht sagen, dass Žižek ein Dichter ist, aber dennoch bin ich der Meinung, dass seine techné vieles gerade der Poesie schuldet, die seiner Meinung nach die Quelle allen Übels der letzten Jahrzehnte auf dem Balkan war.
Hannah Arendt hat im vergangenen Jahrhundert Pionierarbeit zum Verständnis der Komplexität jener Analyse geleistet, die notwendig ist, um auch noch so banale Bilder des Bösen zu entlarven. Ich denke, hier gibt es keine Abkürzungen und die erwähnte Komplexität kann nicht durch Äußerungen wie die Žižeks simplifiziert werden. Es stimmt zwar, wir werden in dem Morden auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien auf allen Seiten Dichter finden, sie waren unter jenen, die den Nationalismus schürten, unter jenen, die aktiv das politische und kriegerische Instrumentarium des Bösen bedienten, aber natürlich finden wir sie mindestens in der gleichen, wenn nicht in einer ungleich höheren Zahl, auch auf der Gegenseite. Die Staaten, die auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien entstanden sind, sind voll von emigrierten Dichtern, Dichtern, die sich mit Texten und Taten Nationalismus, Krieg und Unglück entgegenstellten, Dichtern, die aktiv denen halfen, die Hilfe brauchten, und nicht zuletzt Gräbern von Dichtern, die als Opfer fielen. Dem imaginativen Potenzial ungenannter poetischer Texte die Schuld an den blutigsten Ereignissen auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg zuzuschreiben und damit einer spezifischen Zunft, ist vielleicht eine wirkungsvolle rhetorische Wendung für schlecht informierte Leser, doch bei näherem Hinsehen schlicht eine unwahre Äußerung, die die komplexen Vorgänge einer Zeit ignoriert, Prozesse, die viel länger liefen als nur von den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts an, und vor allem das spezifische jugoslawische Experiment, nämlich den gescheiterten Versuch, eine neue, jugoslawisch-titoistische Nation und jugoslawische Nationalität aufzubauen.

Viertens: Die absolute Negativität des Nationalen
Für die These, Dichter seien schuld am Verfall Jugoslawiens, steht nicht nur Žižek. Diese These ist nicht nur seine und wir treffen sie in den letzten zwei Jahrzehnten immer wieder an. Zugleich finden wir im Falle Sloweniens ihre affirmative Rückseite, nämlich dass sich die Dichter als Priester der Sprache und damit der sogenannten nationalen Substanzen durch die Jahrhunderte schlicht um die Gründung des Staates verdient gemacht haben.
Žižek kennt sich aus mit den Folgen von Platons Verbannung der Dichter aus dem Staat. Nach Žižek sind Dichter nationalistische Scharfmacher sui generis. Es stellt sich die Frage, ob das bedeutet, dass dichterische Aktivität zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch nationalistische Fanatiker anlockt, die sich im Rückblick auf romantische Vorbilder mit dem Verseschmieden beschäftigen? Oder ist die Dichtung als Sprachgebrauch, der aufs Engste an die Spezifika einer bestimmten Sprache gebunden ist, schon automatisch ein Medium nationalistischer Tendenzen? In beiden Fällen ist die Schlussfolgerung klar: Die Dichtung sollte am besten außerhalb der Staatsgrenzen gehalten, Dichter verbannt und damit die Möglichkeit einer „besseren“, in jeder Hinsicht weniger „problematischen“, weniger „bedrohten“, gegebenenfalls sogar „reineren“ Gesellschaft geschaffen werden. Das faule Ei der Poesie muss so erhalten werden, wie es ist, ansteckend, unfruchtbar, phantomhaft und für immer aus der großen Bibliothek unserer Gegenwart entliehen. Philosophen, die in Slowenien auf dem Gebiet der theoretischen Psychoanalyse operieren, bedienen sich dazu ausschließlich klassischer Texte nichtslowenischer Autoren. Das Repertoire reicht von Shakespeare bis Poe, die zeitliche Schwelle bildet das Jahr 1924, das Todesjahr Kafkas. Das ist das Jahr, in dem die Fäule sich im Ei der Poesie einzunisten beginnt und ab dem mögliche Interpretationsversuche den Interpreten mit einer Krankheit verseuchen können, die von zeitgenössischen Versen übertragen wird, nämlich der Krankheit des aufwieglerischen Nationalismus. Die Pointe ist folgende: Im Sinne des Ausschlusses der aktuellen Poesie aus dem Gebiet des aktuellen Wissens ist Žižeks These über die Verantwortlichkeit der Poesie für die nationalen Extremismen auf dem Balkan, und sei sie noch so offensichtlich tendenziös, der Eurokratie auf den Leib geschrieben, für die der Nationalismus die schlimmste aller Bosheiten ist.

Fünftens: Die EU mit Jugoslawien
Warum wieder Jugoslawien? Weil es in vielem dem multikulturellen, multinationalen und multireligiösen säkularen Staatengebilde mit starken zentralistischen Tendenzen, einer gemeinsamen Währung, Verteidigungs- und Außenpolitik verwandt war. Ungeachtet seines kommunistischen Aufbaus ist Jugoslawien in einigem vergleichbar mit der Perspektive, zu der die EU sich in den letzten Jahren, besonders nach der Ratifizierung des Vertrags von Lissabon, hinzuentwickeln bemüht. Für uns ist vor allem wichtig, dass Jugoslawien ein föderatives Staatengebilde mit autonomen Republiken, drei Amtssprachen und mehreren anerkannten Minderheitensprachen war – und folglich mit zahlreichen Schwierigkeiten bei der Implementierung grundsätzlicher Sprachpolitiken. Das Kosovo, in dem die größte kulturelle und sprachliche Repression ausgeübt wurde, wurde zum Schlüsselproblem der gesamten Region, einem Problem, das die EU und die internationale Staatengemeinschaft durch die Errichtung eines neuen Nationalstaats zu lösen versuchten – und das, obwohl ihre Innenpolitik ausgesprochen antinationalistisch war. Hat die EU aus dem Lehrbeispiel Jugoslawiens etwas gelernt? Auf den ersten Blick sieht es so aus, als habe sie es nicht. Proaktive Sprach- und Kulturpolitik der Mitglieder ist keine Angelegenheit der EU, Ausnahme ist die lobenswerte Mega-Übersetzungsmaschine, mit der die EU eine Plattform für eine gleichberechtigte Kommunikation und Information ihrer Bürger in allen Sprachen ihrer Mitglieder schafft. Von Maastricht 1992 bis heute ist die Kulturpolitik ein schmückendes Anhängsel der EU-Politik geblieben. Und die Literatur ein Anhängsel des Anhängsels.

Sechstens: Europa ohne Poesie
Europa, das auf der freien Bewegung von Menschen und Kapital gründet, sträubt sich dagegen, eine aktive Rolle bei der Anregung einer freien Berwegung von Gedichten zu übernehmen. Subventionsprogramme für eine Vermehrung der Übersetzungen aus den EU-Sprachen genügen hier nicht. Das Whateve r-works-Denken, wie wir es in den Richtlinien der Europäischen Kommission auf dem Gebiet der Kultur erleben, genügt hier nicht. Hier ist ein anderer, zielgerichteterer und sinnvollerer Ansatz nötig. Wenn Europa erwachsen sein wird, wird es auch eine europäische Poesie oder zumindest eine Ansammlung dichterischer Praxis haben, die man spezifisch europäisch nennen kann.
Breitere literarische Phänomene lassen sich nicht ohne intertextuelle Verwandtschaften herbeiführen. Nationalliteraturen sind immer ideologisch generierte Abstraktionen, die nur beschränkt Berührungspunkte haben, sind parallel mit der Produktion neuer Texte, da sie auf der Ebene des Abstrakten, des Konzepts, des Netzes zu operieren versuchen. Konkrete Gedichte jedoch entstehen punktuell, decken ein verhältnismäßig kleines Spektrum ab, begnügen sich damit, dass sie nicht den Bedürfnissen einer kohärenten Ideologie genügen. In dieser Hinsicht gibt es für mich momentan zwei Kontexte. Zunächst den Kontext der Sprache, in der ich schreibe. Diesen verstehe ich nicht als nationalen Kontext, sondern als meinen spezifisch lokalen, um nicht zu sagen intim-privatistischen Kontext. Und, zweitens, den amorph-globalen Kontext, der keinesfalls europäisch oder euroamerikanisch ist, sondern auf einem räumlich, sprachlich und zeitlich sehr gestreuten Repertoire an Texten beruht, mit denen ich in meinen Werken einen stillen Dialog führe. Die Frage ist, warum mein lokaler dichterischer Kontext jemand anderen außer die anderen Angehörigen meiner lokalen Gemeinschaft interessieren sollte? Und wenn, warum sollte dieses Interesse nicht ausschließlich global sein (so, wie mich beispielsweise die zeitgenössische Poesie aus Hongkong, Tasmanien oder der Türkei interessiert), sondern spezifisch europäisch? Besteht also überhaupt ein Bedarf an etwas, das dem Gemeinplatz europäische Poetik a ls Grundlage dienen könnte?
Ich denke, es gibt kein kleinstes gemeinsames europäisches Narrativ, das kohäsiv im Sinne eines Generators einer bestimmten Europoetik wirken würde. Es gibt keinen Punkt, zu dem ich gemeinsam mit anderen Autoren hintendiere oder gegen den ich mich wehren würde. Aha, werden Sie sagen, jetzt haben wir ihn, wieder einer aus dem Osten, der den Widerstand gegen die herrschenden Ideologien mit der kommunistischen Muttermilch eingesogen hat. Natürlich, entgegne ich, es ist schön, wenn wir uns einig sind, aber wenn nicht – wie sonst als in Uneinigkeit sollen wir uns verbinden? Stellen Sie sich ein Fußballturnier ohne Pfeifkonzert wegen strittiger Schiedsrichterentscheidungen vor, oder eine Steuererhöhung ohne mehrheitliche Missbilligung? Warum sollte man annehmen, die Erhöhung der Mobilität europäischer Autoren, Subventionen für Buchübersetzungen und die Benühung darum, dass sich bei der Teilung der Zuständigkeit zwischen Europa und den einzelnen Nationen, zumindest, was die Kultur betrifft, nichts ändert, führe zu etwas, was vielleicht keine europäische Poetik sein wird, aber wenigstens ein Zeichen an den Rest der Welt, dass sich in den europäischen Literaturen auf einmal etwas Interessantes tut? Dass es in Europa Spannung und Interessen gibt, die Vorbedingung für die Entstehung eines Metaniveaus sind, das bislang nicht existiert hat? Ich weiß nicht, wie viele Tonnen Ideologie nötig sind, um ein solches Metaniveau zu schaffen, aber mit Sicherheit braucht man wenigstens ein Feld bzw. einen Kontext, in dem sich das faule Ei der Poesie emanzipieren, seine inferiore Position abschütteln, aus dem Kreis heraustreten und das Spiel auf einem anderen Niveau weiterspielen kann, mit anderen Regeln.

Siebtens: Reise mit Paris
Es gibt zahlreiche lobenswerte Versuche von Organisatoren von Literaturfestivals, Internet portale, Literaturzeitschriften am Rande des Verfalls, die Destabilisation und das Verblassen der gesellschaftlichen Einordnung der Poesie zu korrigieren, Subventionspolitiken und Sympathien von Mäzenen für diese Respiratoren, die Nischenverlage für Poesie und andere nichtkommerzielle Literatur am Leben erhalten. Trotz einer gewissen Lebhaftigkeit in diesem Bereich denke ich, dass es sich vor allem um Schönheitskorrekturen handelt, keinesfalls jedoch um eine Systemveränderung.
Das Problem liegt tiefer und hat mit dem Bewusstein der Menschen zu tun, die unseren europäischen Alltag mitverwalten. Die Poesie sucht schon etwa seit einem Jahrhundert eine Neudefinition ihrer gesellschaftlichen Rolle, ihre innere Verankerung in der Gemeinschaft und ihre Funktion in der Schaffung gesellschaftskommunikativer Verbindungen. Ihrer Natur nach ist sie auf die Ansprache kleinerer Gemeinschaften beschränkt und erst über den übersetzerisch-interpretativen Apparat einer breiteren Leserschaft in Fremdsprachen zugänglich. Es scheint, als bestehe eine ungeschriebene Regel, dass die kleinsten und kompaktesten Elementarteilchen der globalen Information, die meiner Meinung nach die Poesie darstellt, am langsamsten reisen. Häufig erhalten sie sich nur durch phantomhaft Anwesenheit, wie die Zettel, die die Integrität der Bibliotheken aufrechterhalten, wenn auch bestimmte Bücher schon seit Jahrzehnten oder manchmal noch länger aus einem breiteren Bewusstein ausgelöscht sind.
Ich mag mittelalterliche mappae mundi, auf denen die Welt noch nicht im Maßstab abgebildet ist und auf denen die Schematik und die Symbolhaftigkeit Vorrang vor der späteren exakten Kartografie haben, die auf der ptolemäischen Projektion, exakten Messungen und mathematischen Berechnungen beruht. Einer dieser Kartografen, Matthew Paris, hat um 1250 eine Karte der damals bekannten Welt gezeichnet. Diese umfasste die Strecke vom Kloster St. Albans in England, wo er lebte, bis nach Jerusalem. Auf der Karte waren die Orte verzeichnet, die der Pilger auf seinem Weg ins Heilige Land passieren musste. Das war das Europa jener Zeit, das geografisch mit dem heutigen Opinionmaker-Europa vergleichbar ist. Auf Paris’ Landkarte der bekannten Welt gibt es keine Entfernungen zwischen den einzelnen Orten beziehungsweise, genauer gesagt, die Entfernungen zwischen allen Orten sind gleich und schlicht bedeutungslos. Anstelle der Strecke zwischen dem einen und dem anderen Ort auf dem Weg steht dort immer dasselbe Wort: jurnee, eine Tagesreise. Zwischen den Orten liegt nur die Reise, das ist alles. Ich denke, dass sich die Aufgabe unserer gemeinsamen Bemühungen in die gleiche Richtung bewegen muss. Neben der genauen Kartografie und außerordentlicher Sorge um die Erhaltung der physischen Kommunikationsströme Europas (denken wir daran, wie viel Geld die EU jährlich Projekten auf dem Gebiet der Investitionen in Infrastruktur, Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen, dem Ausbau der Kommunikationsnetze widmet ...), müssen wir alle zusammen dazu beitragen, dass wir uns durch die jurnee zwischen dem einen und dem anderen Ort, dem einen und dem anderen Staat, der einen und der anderen Sprache, der einen und der anderen Kultur kennenlernen. Und ich denke, dass hier die ökonomischste Antwort auf diese Herausforderung eben die Poesie als Medium dieser Erfahrung ist.
Allen ist klar, dass der Mechanismus zum Erstellen einer Plattform für die Poesie, die nicht an eine Sprache gebunden wäre, kein Marktmechanismus ist, sondern sich auf der Ebene eines gemeinsamen Bewusstseins abspielen muss. Eines Bewusstseins dessen, dass die Poesie Informationen vermittelt, die wichtig sind und die zu unserem Verständnis der Prozesse innerhalb einer Gesellschaft, vor allem aber der Stellung des Einzelnen darin beitragen können.
Solange es nicht selbstverständlich ist, dass ein Intellektueller, der sich selbst für europäisch hält, die Gedichte mindestens zehn lebender europäischer Dichter und Dichterinnen kennt, die in Sprachen schreiben, die nicht die Muttersprache dieses Intellektuellen sind, wird es so etwas wie eine europäische Poesie nicht geben, sondern nur nationale Dichtungstraditionen, mehr oder weniger isoliert auf einem Territorium geschrieben, das sich, wenn es um Landwirtschafts- oder Umwelt- oder Verkehrspolitik geht, Europa nennt.

Achtens: Eröffnungsvortrag mit aktivistischem Aufruf zum Abschluss
Beim Schreiben und Lesen von Literatur ist alles einfach: Bücher sind aus Wörtern gemacht, und die wirklich guten bestehen neben den Wörtern vor allem aus Stil. Sobald wir über diese Bücher aus Wörtern und Stil nachzudenken beginnen, zeigt sich das Problem: Woher, für wen sind sie geschrieben, welchen Kontext bestimmen sie, wo ordnen sie sich ein und was schaffen sie als Massenphänomen zusammen mit all ihrer Soziologie, medialen Orchestration und infrastrukturellen Maschinerie? Das Problem liegt nicht im Schreiben der Bücher. Hier ist (fast) alles klar. Das Problem ist unser immer fehlschlagender und unzureichender Versuch der Ideologisierung von Literatur. Als Autor brauche ich das nicht. Ich sitze da und schreibe und das genügt mir vollkommen. Als Autor aber, der aufgerufen ist, ein paar Gedanken über das Verhältnis zwischen dem Nationalen und dem Europäischen in der Literatur niederzuschreiben, tappe ich in dieselbe alte Falle und versuche, ideenhafte Vorstellungen über etwas zu spannen, was seiner Natur nach nicht einzufangen ist. Bücher sind wie Winde. Wenn Sie ein südlicher Lufthauch erfrischt, die Bora bläst oder der Passat, dann wissen Sie das einfach. Wenn Sie sie mit einem Netz einzufangen versuchen, oder, noch besser, mit einem Sack, zum Beispiel mit einem plumpen Sack, dann haben Sie ein Problem.
Mein Vorschlag ist konkret, pragmatisch, schon mal gehört, durchführbar und nützlich zugleich: Das Curriculum aller Mittelschulen auf dem Gebiet der EU soll vorschreiben, dass jeder Europäer im Laufe seiner Mittelschulausbildung, das heißt bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr, fünf Gedichte fünf lebender Autoren aus mehr oder weniger benachbarten EU-Mitgliedsstaaten kennenlernt. Jeder Europäer soll sich durch die fünf Gedichte mit dem aktuellen gesellschaftlichen Kontext, den Problemen, der Ästhetik und den alltäglichen Dilemmata der Nachbarn vertraut machen. Lernen, wie die Winde andernorts heißen, die jenen, die auf der jurnee sind, durch die Haare blasen. Jeder zukünftige Europäer soll lernen – und nach dem Kennenlernen das ausgeliehene Buch an seinen Platz zurückstellen. Anderenfalls werden bestimmte Phantome für immer durch Europa geistern.

Aus dem Slowenischen von Ann Catrin Apstein-Müller

 
© 2008 Aleš Šteger