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BERLIN (TACIT NA POSTAJI PODZEMNE) / Deutsch

TACITUS IN DER U-BAHN-STATION

Die ausgedehnte Stunde, die die Fahrt von Charlottenburg nach Prenzlauer Berg in Anspruch nahm, schnurrte ein wenig zusammen durch die Namen der dortigen Bars. Schwarz Sauer, Entweder oder, Flotte Frieda, Babel Berlin oder Gorki Park sind Orte mit stilvoll demoliertem Interieur, wo ritueller Kneipengestank wabert und lauwarmes Bier von Kellnern serviert wird, die soeben sehr sehr sehr cool dem Eisschrank entstiegen sind. Die Aufschriften über den Türen und an den in kalten Monaten beschlagenen Fenstern gaben den Bars die verlorene magische Macht des Wortes zurück, sie strahlten weiter, auch wenn es draußen zu dämmern begann, mit dem dunklen Leuchten des Zauberworts, sein Licht offenbarte die Gesichter von Sehern, Heiligen, Propheten, stellvertretenden Halbgöttern, von falschen, manchmal auch weniger falschen. Getarnte Buddhas auf wackligen Stühlen, Christusgestalten in Schwarz, die Hand an die Theke genagelt, Madonnen mit Punkfrisur, Krishnas, als mitteleuropäische Intellektuelle verkleidet. Geblendet von der Ausstrahlung meiner Umgebung, den komplexen Gesprächen über die Beständigkeit der unbeständigen Liebe, neue gesetzliche Vorschriften zur Rückgabe von Plastikverpackungen und halbvergessene Dichterszenen vom Prenzlberg der Achtziger, konnte es mir auf dem Heimweg schnell passieren, daß ich wie Hildebrands Pferd in die falsche Richtung davonklapperte, in die Fremde. Zum Glück fand sich auf der Straße stets ein Tacitus, der meinen unsicheren Trab auf die verfehlte U-Bahn-Station hinlenkte. Die Rolltreppe saugte uns ein wie eine Zeitmaschine, während mir Gaius Cornelius von den alten Germanen erzählte, einem Volk zwischen Rhein und Donau, das für körperliche Arbeit ungeeignet war, von Stämmen, die lieber den Feind zum Kampf herausforderten, anstatt ein Feld zu bestellen, von Faulpelzen, die schon vor zweitausend Jahren lieber in den lichten Tag hineinschliefen und in Felle gehüllt oder lieber gleich nackt herumliefen, von einem Volk ohne Herbst, das nur drei Jahreszeiten kannte, von großen Anhängern der Treue, der Monogamie und der Frauen. Im blassen Pulsieren der Halogenlampen verschwand Tacitus. Im Rom Ende des ersten Jahrhunderts hatte er sich an Cäsars Aufzeichnungen über die Germanen überfressen und sich bis zum Überdruß mit den Erzählungen von Legionären und Händlern vollgesogen, die aus dem kalten Norden zurückgekehrt waren. Als Freigeist war er durch die U-Bahn-Stationen des antiken Rom geschlendert, bis er alles in- und auswendig kannte, auf der Suche nach Gelegenheiten, eine seiner beschriebenen Figuren in natura anzutreffen. Auch ich bin ihnen begegnet und mir wurde mit einemmal klar, daß es die reiche Erfahrung mit unterirdischen Orten war, die den Römer zu seinem unerwartet eleganten Verschwinden vorbestimmt hat. Eine Gruppe in schwarzen Jeans und Lederklamotten, Nachkommen von Abtrünnigen der germanischen Völker, nahm mich ins Visier, einer von ihnen brüllte etwas, die Ketten, mit denen er behängt war wie ein Weihnachtsbaum, klirrten, in der Oberwelt war Mitternacht, als er sich mit zwei anderen in meine Richtung in Bewegung setzte. Bei Tacitus gibt es zehn Textstellen, die eine familiale Kontinuität zwischen den Germanen und den modernen Herumtreibern belegen. Erstens: Tacitus berichtet, daß die Germanen besonders im Winter gern in selbstgegrabenen Höhlen leben, die Wärme spenden und für den Feind schwer zu erkennen sind. Ich sah mich um und stellte fest, daß wir völlig allein waren, die näherkommenden Freunde in Schwarz in ihrer Behausung und ich. Zweitens: Ut primum adoleverint, crinem barbamque submittere nec nisi hoste caeso exuere votivum obligatumque virtutu oris habitum; wenn sie erwachsen werden, lassen sie sich Bart und Haare wachsen und kürzen diese erst, wenn sie ihren ersten Feind erschlagen. Drittens: Als er auf mich zukam, begann der Typ wieder zu brüllen, seine kreischende Stimme hallte durch die verlassene Station und verlor sich im Dunkel der U-Bahn-Schächte, von wo sie höchstens als Fiepen einer Ratte zurückkehrte. Tacitus beschreibt die Kampfgesänge der Germanen als unharmonisch. Sie sollten in der Hauptsache einen rauhen, dröhnenden Klang erzeugen. Während des Brüllens hielten die germanischen Krieger sich einen Schild vor den Mund, um eine möglichst hohe Resonanz zu erzielen. Als Schild diente an jenem Abend mein Gesicht, ein Sprühregen aus Speichel entwich dem dunklem Mund zwei Fingerbreit vor mir. Viertens: Tacitus sagt, daß sie sich selten waschen. Fünftens: Über dem Mund, aus dem mir wie ein Geist die Stimme entgegenröchelte, durchbohrten zwei große Silberringe die Nase. Die Tapfersten unter ihnen, sagt Tacitus, tragen einen eisernen Ring, sonst ein Zeichen der Schande. Sie tragen ihn als Fessel, von der sie sich durch Tötung ihres ersten Feindes befreien. Sechstens: Aus dem Mund stank er nach Bier, dem rituellen Getränk der Germanen. Siebtens: Convictibus et hospitiis non alia gens effusius indulget, quemcumque mortalium arcere tecto nefas habetur. Tacitus zufolge gibt sich kein anderes Volk so verschwenderisch dem Vergnügen und der Gastfreundschaft hin wie die Germanen. Achtens: Silber schätzen sie mehr als Gold, sagt Tacitus und fügt hinzu, daß dies nicht einer besonderen Vorliebe für Silber entspringt, sondern praktische Gründe hat, da ihren täglichen Einkäufen der Wert des Silbers eher entspricht. Deshalb zog ich ein Zwei-Euro-Stück aus der Tasche und bot es dem Brüllenden an. Neuntens (und das liegt mir am meisten am Herzen): Die Germanen messen die Zeit nicht in Tagen, sondern in Nächten, nicht mittels der Helligkeit, sondern der Finsternis. Trotzdem hörte mein Herz erst auf, wie verrückt zu schlagen, als der Bahnsteig sanft erzitterte. Hinter dem Punk, dem einzigartigen Bewohner der Unterwelt, dem erniedrigten germanischen König, dem Verschollenen im Moloch der modernen Großstadt, hinter der Gestalt, mit der zusammen ich einen Fächer aus vier Schatten warf, hinter diesem Trugbild, das alle und niemand war, hinter diesem Körper mit der Bierflasche in der einen und der Münze in der anderen Hand, der mit hervortretenden Augen vor mir schwankte, so nah, daß unsere Nasen sich hätten berühren können wie die Nasen sich küssender Eskimos, erschienen in der Tiefe des Tunnels die Lichter der U-Bahn. Zehntens: Wer hätte auch, fragt sich Tacitus – ganz abgesehen von den Gefahren des schrecklichen und unbekannten Meeres – freiwillig Asien oder Afrika oder Italien verlassen, um Germanien zu besuchen, eine Landschaft ohne jeden Reiz, mit einem rauhen Klima, trostlos für den Bebauer wie für den Beschauer? Außer dem, fügt Tacitus hinzu, der es seine Heimat nennt.

Übertragen von Ann Catrin-Epstein
(c) Suhrkamp Verlag
(erscheint im Band Preußenpark voraussichtlich im Frühjahr 2009).




 
© 2008 Aleš Šteger